Der Drei-Zentner-Liebesbär
Posted by markus on 07.01.2009, 10:38 | Last update: 07.01.2009, 10:41

In der aktuellen Ausgabe der Jungle World geht es im Dossier um die traurigsten Lieder im Leben einiger AutorInnen. Klaus Walter liefert einen interessanten Eröffnungstext ab, den von der Jungle World Webseite geklaut habe, um ihn hier zu posten...
Der Drei-Zentner-Liebesbär
Das traurigste Musikstück meines Lebens kaufe ich mir in Kingston im Mai 1992. Die Redaktion einer Zeitschrift hat mich zusammen mit einem Fotografen hierhergeschickt. Für die große Sommertrend-Story. Dancehall-Reggae soll das heiße Ding werden diesen Sommer. Dazu hat die Zeitschrift eine »Medienkooperation« mit der Firma Intercord (R.I.P.) auf die Beine gestellt. Die bringt eine Compilation mit aktuellen Dancehall-Tracks heraus – Zusammenstellung und Linernotes von mir –, dazu die große Reportage in der Zeitschrift, und spätestens im August ist Dancehall größer als Jesus. So der Plan. Also zehn Tage Kingston, Hotel im Reservat der Weißen, Spesen und Platten kaufen auf Verlagskosten. Dazu Geld für Courtland, den findigen Kingstonian, der uns an Orte führt, die wir ohne ihn nie finden würden. Und wenn doch, würden wir nicht hineingelassen. Oder es erst gar nicht versuchen. So bringt uns Courtland Nacht für Nacht in die Dancehall. Mal ist die Dancehall ein Parkplatz vor einem Supermarkt, mal ein eingezäunter Hinterhof. Nie ist die Dancehall eine Halle. Gut in Erinnerung ist mir eine Dancehall auf einer hügeligen Wiese bei Vollmond. Dort sehe ich zum ersten Mal, wie der Selector (Plattenaufleger, DJ) eine zu zeitgenössisch perkussivem Ragga tobende Menge zur Raserei bringt, indem er »She’s out of my life« auflegt. Eine steinerweichende Langsamstballade von Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Wie auf Kommando fallen sich (heterosexuelle) Paare in die Arme und reiben voller Inbrunst ihre Leiber aneinander. Nach drei Minuten ist Schluss, weiter mit Uptempo-Dancehall. Und dann ein Schuss. Ein Mann zieht seine Schusswaffe und feuert in die Luft. Man gewöhnt sich daran. Manchmal sollen dabei Menschen getroffen werden. Das habe ich nicht gesehen. Heißer als die Vollmondwiesen-Jacko-Revolver-Dancehall ist nur noch die Beach-Dancehall am Stadtrand von Kingston. Da haben die Leute von Anfang an wenig an, die Hitze beschleunigt. Für Gerald, den Fotografen, und mich fällt die Erfahrung ab, wie weiß man ist, allein am Strand unter lauter Jamaikanern.
Die Dancehall ist Umschlagsort von Neuigkeiten, Kontakthof, Sexanbahnung, Red Stripe, Ganja. Frauen rulen die Dancehall, sie reagieren auf den Dee-Jay (Toaster, Rapper) und den Selector, sie bestimmen, welche Platte einen rewind bekommt und welche nicht, sie beantworten die Texte, jubeln oder buhen, lassen ihre Körper kreisen, vor allem die fat girls, gepriesen in ungezählten jamaikanischen Songs, hier gelten andere körperpolitische Gesetze – skinny girls sind was für die Oberschicht. Fat girls in Hot Pants, Bikinis, G-Strings, whatcha see is whatcha get. Die Männer stehen meistens am Rand und schauen den Frauen zu. Gebraucht werden sie bei slow jams. Nicht vorher und nicht nachher habe ich ein derart enthusiastisches, ekstatisches, körperliches, intensives, direktes Agieren mit und Reagieren auf Musik erlebt.
Der Gipfel des Ausrastens, Kreischens, Forderns nach einem rewind ereignet sich Nacht für Nacht bei dem Track mit dem Gurgler mit den vielen B’s. Irgendein Bubbbu-Bamm-Bamm wird vom Dee-Jay angepriesen, spitze Schreie gellen in den Nachthimmel. Alle halbe Stunde wird der tune wiederholt (»Mördertune« ist das Wort bei deutschen Raggaphilen), immer auf Anfang, es wird geschossen, und die dicken Mädchen rasten aus, kreischen, zurück auf Anfang, bummbumm bumm, dann der riddim, nix zu machen, wäre die Dancehall eine Halle, flöge das Dach weg (schriebe man im Rockjournalismus). Was für eine magische Nummer! Muss ich haben. Banton, so erfahre ich, heißt der Bubbbu-Bamm-Bamm, nie gehört. Ist aber der Hit der Saison, keine Frage.
Nachts Dancehall, tagsüber Recherche. Ver abredung bei Penthouse, wichtiges Label, Cutty Ranks treffen, Lieblingstoaster. Cutty taucht nicht auf, aber Donovan Germaine, der Patriarch von Penthouse, bietet Banton an, den Bubbbu-Bamm-Bamm. Der sei gerade da, mit dem könne ich doch ein Interview … »hot new guy« …
Naja, den kenne ich nicht, sage ich. Ist das der mit diesem großartigen Hit, bei dem am Anfang geschossen wird? Ja, genau, Bubbbu-Bamm-Bamm. Auf seinem Hit klingt Bubbbu-Bamm-Bamm wie ein Drei-Zentner-Liebesbär, Barry White und Solomon Burke zeugen gemeinsam einen Bubbbu. Das Interview: Bubbbu ist nicht drei Zentner schwer, aber zwei Meter groß, höchs tens 130 Pfund. Woher kommt die Tiefe in der Stimme? Hä, keine Ahnung.
Interview heißt: Ahnungsloser Schreiber from Gemany trifft unvorbereitetes Teenage-Baby-Schlaks. So unvorbereitet, dass Schlaks noch nicht mal rudimentär Erste-Welt-Englisch beherrscht, Bubbbu spricht rabiates Jamaican, guttural, schnell, unverständlich. Die Gründe dafür, dass er ständig seine weißen Zähne bleckt, bleiben unklar. Süß, der Bubbbu, aber was redet er da? Man kennt solche Szenen aus Texten von Weißen über ihre erste Begegnung mit Leuten wie Little Richard, Screaming Jay Hawkins, Rufus Thomas. Instinktsänger. Instinktneger. Onomatopoeten des Körpers. Die Zufallsbegegnung mit Bubbbu bringt nichts, außer einer Schieflage: Wann immer der Bubbbu-Bamm-Bamm-Hit die Dancehall zum Beben bringt, sehe ich die Barry-White-Solomon-Burke-Black-Buddha-Figur vor mir … ich muss mich aber korrigieren: Der ist blutjung, bohnenstangenlang. Egal, den Bubbbu-Bamm-Bamm-Hit habe ich auf 7-Inch, damit werde ich meine nächste Sendung eröffnen und den Leuten erzählen, wie unvergleichlich sagenhaft Musik in Jamaika funktioniert, was für eine unvergleichlich sagenhafte Bedeutung Musik in Jamaikas Dancehalls hat. Was für ein Geschenk, dass ich ausgerechnet zu der Zeit hierherkomme, als dieser Bubbbu-Bamm-Bamm-Hit so dermaßen bammt, so menschenzusammenbringendglücklichmachend. Mit dem Bubbbu-Voodoo-Zauber im Blut verlasse ich die Insel. Noch nicht ganz. Am Morgen vor der Abreise noch ein kurzes Gespräch mit einem Journalisten des Daily Gleaner. Dancehall ist großartig, ja, ja, diese Intensität, dieses Zeitungsersatzmäßige der Kommunikation, 30 The sen auf einem riddim, oral culture, Überlieferung … edle Wilde auf der sonischen Höhe der Zeit. Bin ganz außer mir. Am Ende frage ich den Informanten nach dem Bubbbu-Bamm-Bamm-Hit. Supertune, klar, aber warum rasten sie alle dermaßen aus? Woher diese hysterische Begeisterung, wenn die Schüsse … und das gutturale Gurgeln? Woher das, was Joan Morgan im HipHop-Magazin Vibe so beschreibt: »Die Salutschüsse, die ›Boom bye bye‹ begleiten, drücken nicht nur eine Liebe für dieses Lied aus, sondern etwas, das tiefer liegt, letztlich wesentlich furchterregender: Diese Schüsse scheinen das Versprechen einer kulturellen Treue, Verbunden heit darzustellen für einen Mann, der ›Fremden‹ nicht erlaubt hat, seine Moral zu korrumpieren.«
Ja, der fremdenresistente Bubbbu-Bamm-Bamm-Hit ist »Boom bye bye«, der Bubbbu-Bamm-Bamm-Mann ist Buju Banton. Die Schüsse in diesem Mördertune von einem tune gelten: Schwulen. »Faggots have to run or get a bullet in the head.«
PS: So wurde »Boom bye bye« das traurigste Musikstück meines Lebens.
Und es hört nicht auf. Sizzla, Beenie Man, Elephant Man folgen, triste Debatten, Ratlosigkeit, Statements wie das folgende. Nicht aus irgend einem Fanzine, nein, hier spricht The Source, eine der wichtigen Stimmen im US-HipHop: »In Jamaika handelt es sich nicht mehr nur um einen Konflikt zwischen einem einzelnen Künstler (Buju) und der mächtigen Gay-Lobby (in den USA), sondern um einen Konflikt zwischen der jamaikanischen Gesellschaft, die intolerant ist gegenüber der ›gay orientation‹ und einer amerikanischen Gesellschaft, die darum kämpft, einen Platz zu finden für ihre schwule Bevölkerung. In den Augen der Dancehall-Gemeinde wäre eine Entschuldigung Bujus bei der Gay-Lobby ein Akt des Verrats gewesen, eine Kapitulation vor der imperialistischen Macht, die dem grimmig-stolzen jamaikanischen Volk einen unwillkommenen Lebensstil aufzuzwingen versucht.«
Da haben wir den Salat: Homophobie ist der neue Antiimperialismus.
Klaus Walter
Klaus Walter ist Radio-DJ bei HR3 (»Der Ball ist rund«, seit 1984, wird zum Jahresende eingestellt) und Byte.fm (»Was ist Musik«, seit 2008)